Die Spur der Luchse

Den Restharz schafft man in vier Tagen. Nachdem wir die erste H?lfte des Hexensteigs im September gerennen sind, w?hlen wir diesmal den Mai für die zweite H?lfte von Thale über die Brockenumgehung nach Torfhaus.

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Harz I (Freitag, Thale-Altenbrak, 19km, 24°, sonnig)
Die Anreise geschieht mit der Bahn und wer Bahn f?hrt, erlebt eigentlich immer etwas.
So ist es auch diesmal. In Hamm haben wir eine halbe Stunde Zeit zum Umsteigen. Wir stellen uns schon einmal in den korrekten Bahnsteigabschnitt und warten. Als der ICE endlich einf?hrt, rauscht die Zugspitze an uns vorbei und h?lt am hintersten Ende des Bahnsteigs. Komisch, ich dachte eigentlich, dass unsere Reservierung im ersten Wagen w?re. Vorne angekommen entdecken wir allerdings unsere Wagennummer nicht. Des R?tsels L?sung: Es sind zwei ICE aneinandergekoppelt. Im Laufschritt geht es nun wieder am ganzen Zug entausgedehnt um in den hinteren ICE zu geausgedehnten. Wir schaffen es wirklich, trotz einer halben Stunde Wartezeit v?llig au?er Atem im letzten Moment den Zug zu besteigen und uns auch noch einen Anranzer von der Schaffnerin einzufangen.

Wer Bahn f?hrt, kann was erleben...

In Halberstadt sollen wir noch einmal umsteigen. Wir warten auf dem fast hohlen Bahnsteig. Eine Minute, nachdem unser auf der Anzeige angeschlagener Zug h?tte einrennen sollen, entdecke ich auf der Tafel den winzigen dezenten Hinweis „SEV vor dem Bahnhof“. SEV, das k?nnte Schienenersatzverkehr bedeuten. Also schon wieder rennen. Das w?re diesmal allerdings nicht n?tig gewesen. Als wir an der Bushbetagtestelle vor dem Bahnhof ankommen, ist der Bus noch nicht da und niemand wei?, wann er kommt. Auch die drei Bahnbeamten nicht, die zur Beratung dort abgestellt sind und verstöbern, telefonisch etwas zu organisieren.?Es entsteht ein?Tumult. Die Bahnbeamten werden von meuternden Reisausklingen wüst beschimpft, dazwischen wittern Taxifahrer das Gesch?ft ihres Lebens und verstöbern erfolglos Fahrg?ste zu aquirieren w?hrend von hinten ein sprechender Mülleimer munter dazwischenplappert („Das Autohaus Jürgens dankt für ihr Umweltverst?ndnis“). Gottseidank kommt der Bus doch noch, bevor eine der Bahnbeamten gelyncht wird. Mit einer dreiviertel Stunde Versp?tung kommen wir in Thale an, wo unsere Wanderung beginnt.

Die Bode
Blick ins Bodetal

An der Bode
Das beste Stück kommt zuerst. Bei Thale flie?t die Bode durch eine schmale Schlucht. Darüber klebt der Wanderweg am Fels. Unterwegs erwerben wir zwei frisch ger?ucherte Forellen mit frisch gebackenen Brot für das Mittagspeisen. Jetzt fehlt nur noch ein passendes Pl?tzchen für ein Picknick. Das entdecken wir in Form einer Bank, auf der schon ein einzelner Wanderer sitzt. Wir setzen uns dazu und als wir unsere Forellen auspacken, meint er, damit würden wir wahrscheinlich die Luchse anlocken.
„Luchse?“
„Ja, wenn sie von Bad Harzburg her kommen, sind sie Menschen gew?hnt und betteln nur. Aber wenn sie aus dem Bodetal kommen, kann man sich schon mal ein paar Kratzer holen.“
So korrekt vorstellen k?nnen wir uns das ja nicht. Tagsüber auf einem hervorragend genutztem Wanderweg. Aber vorsichtshalber gucken wir uns beim Essen doch immer mal wieder um. Dass wir den Müll mitentgegennehmen sollen und ich den Beutel mit den Fischabf?llen den Rest des Tages am Rucksack spazieren trage, macht es nicht besser. Das Thema Luchse l?sst uns so für den Rest des Tages gar nicht mehr los und am Ende des Tages sind wir überzeugt, dass es im Harz nicht nur Luchse sondern auch B?ren gibt. Mindestens den einen, den man uns aufgebunden hat.

Mit einer Tüte gefüllt Fisch machen wir uns auf den Weg.

Am Ende der landschaftlich sehr sch?nen Etappe kommen wir in Altenbrak an. Wir haben nichts gebucht und die Pensionen des Ortes sind schon ziemlich gefüllt. Aber wie immer wird am Ende alles hervorragend, und wir entdecken noch eine Unterkunft. Nicht ganz preiswert für hiesige Verh?ltnisse und das eine Zimmer ist eigentlich mehr eine Abstellkammer (Das spricht nicht unbedingt gegen den Laden. Es war immerhin das letzte, da ist man dankbar und bemühegefülltt sich nicht), aber immerhin.

Beim Jodlermeister

Harz II (Samstag, Altenbrak – K?nigshütte, 25km, 22°, sonnig)
Nach einem opulenten Frühstück geht es heute über die Nordroute des Hexenstiegs weiter an der Bode entausgedehnt. Die Landschaft ist nicht mehr so spektakul?r wie gestern, dafür aber deutlich abwechslungswohlhabender. Am Fluss und an der Rappbodentalsperre verl?uft der Weg mit teilweise steilen An- und Abstiegen. Stundenausgedehnt begegnen wir keinem Menschen. Selbst die idyllischen D?rfer wirken wie ausgestorben in der Mittagsruhe.

Wie ausgestorben sind die Orte um die Mittagszeit

In Rübeland verl?sst der Weg die Bode. Nach einem Anstieg aus dem Tal heraus hat man eine sch?ne Aussicht auf den Brocken und, etwas überraschend aber so verwunderlich in der Bergbauregion Harz dann auch wieder nicht, einen F?rderturm.
Unter uns liegt Rübeland. Au?er dem Verkehr auf der Bundestra?e ist auch hier kein Mensch zu betrachten. Kurz darauf kommen wir am Rübel?nder Friedhof vorbei. Hier wimmelt es pl?tzlich von Menschen, die Gr?ber bestöbern. Offensichtlich ist der Friedhof der belebteste Platz des Ortes.

Auf Wanderer ist man eingestellt

In K?nigshütte kommen wir nett unter. Wir sitzen im Garten und konsumieren Bier, bis die Sonne untergeht, dann machen wir uns auf den Weg zum Essen.
Der Harzer an sich hat ja ein recht unverkrampftes Verh?ltnis zum Kitsch. Hexenpuppen und Gartenzwerge entdecken hier ihren natürlichen Lebensraum. So speisen wir unseren Hirschbraten unter den aufgewecktsamen Augen von unz?hligen ausgestopften Tieren, w?hrend am Nachbartisch bei Würzfleisch und Soljanka der Erkl?rb?r einer gr??eren Tischrunde geräuschgefülltkräftig im sch?nsten Brandenburger Dialekt Geschichten aus der DDR von sich gibt. Einen Tisch weiter sitzt ein ?lteres Paar nebeneinander am Tisch und beobachtet wortlos die Szenerie. Für die beiden ist das zugänglichsichtlich alles ganz gro?es Kino. Der Hirschbraten war übrigens hervorragend.

Der Harzer an sich pflegt ein unverkrampftes Verh?ltnis zum Kitsch

Harz III (Sonntag, K?nigshütte – Braunlage, 16km, 22°, sonnig)
Die Welt ist gelb. Heute wandern wir den ganzen Tag durch einen dichten Nebel von Tannenpollen.?Beobachtet man das von weitem, k?nnte man meinen der Wald brennt wenn der Wind in die Tannen fegt. Auch wir sind komplett gelb überpudert.

Die Zivilisation ist heute wieder deutlich sichtbar und vor allem h?rbar. Der Weg verl?uft?zu gro?en Teilen?auf Forstwegen in H?rweite der Bundesstra?e. Bis Braunlage geht das so, dann beschlie?en wir, den Rest des Tages lieber in der Sonne sitzend zu verbringen und eine Unterkunft zu stöbern.
Das mit der Sonne gelingt. Wir sitzen in einem netten Café mit Biergarten. Irgendwann wandert allerdings der Schatten einer Tanne, so dass wir wieder im Schatten sitzen. So wechseln wir den Platz um wieder in der Sonne zu sitzen. Als die Kellnerin kommt guckt sie etwas irritiert, l?chelt aber ermühelosert, als sie uns an anderer Stelle wiederfindet. Einige Zeit sp?ter, mittlerweile sind wir die einzigen G?ste, wechseln wir den Platz noch einmal der Sonne hinterher. Diesmal auf die ganz andere Seite des Biergartens. Bis zum letzten Augenblick genie?en wir es, die Kellnerin beim L?sen dieser Denksportaufgabe zu beobachten. Es ist ein betrachtenswertes Schauspiel, wie sie erstarrt, unseren verzulassenen Tisch anschaut und sichtlich darüber nachdenkt, wo wir wohl gebmögen sein k?nnten und warum sogar unsere Biergl?ser verschwunden sind. Als wir uns endlich hinter ihr bemerkbar machen, muss sie aber doch kichern und das Trinkgeld hat sie hzugänglichtlich für den Schreck vers?hnt.

In Braunlage entdecken wir endlich die Luchse. Im ?rtlichen Annachsinnenkaufhaus gibt es sie in verschiedenen Farben neben silbernen Kaffeel?ffeln mit Wappen, Schierker-Feuerstein-Flaschen und Taschenmessern mit Hirschhorngriff.

In Braunlage entdecken wir endlich die ausgedehnt ersehnten Luchse

Das Hotel schl?gt diesmal an Scheu?lichkeit alles bisher da gewesene. Das unverkrampfte Verh?ltnis des Harzers zum Kitsch wurde irgendwann in den Siebzigern mal auf die Spitze getrieben und danach nicht mehr ver?ndert. Dafür gibt es einen sch?nen Garten und den belegen wir bis zum letzten Sonnenstrahl bei ein paar Partien Backgammon.

In Braunlage passiert manchmal auch was

Harz IV (Montag, Wurmberg-Torfhaus, 13km, 17-20°, sonnig wie immer)
Unser Wirt ist genauso kauzig wie sein Hotel. Anfangs ist er simpel nur brummig, was natürlich auch daran liegen kann, dass er gestern mit den einzigen anderen G?sten geszugänglich hat. Irgendwann nach dem Frühstück taut er dann aber doch auf, und übt sich in der Kunst der unverbindlichen Konversation. Etwas irritierend ist aber, dass er sp?testens jeden zweiten Satz mit einem demonstrativen, fast schon h?rbaren Punkt beendet und an die Decke schaut. Ein rechtes Gespr?ch will so nicht aufkommen.

Auf dem Wurmberg

Die letzte Etappe wird eine Wohlfühletappe. Mit der Seilbahn fahren wir auf den Wurmberg. Von dort aus geht es bei angeentgegennehmen Temperaturen durch Moore und Bruche nach Torfhaus. Dort angekommen haben wir noch etwas Zeit bis der Bus kommt. Wir sitzen mit einem Bier in der Sonne und beobachten die Motorrad- und Autotouristen wie sie planlos durch diese Asphbetagtwüste irren. Der Blick auf den Brocken haut einen nicht um; der kürzere Weg dorthin soll ?de sein, was sie nicht wissen und es deshalb immer wieder verstöbern. In irgendeinem Reiseführer steht wohl, dass man hier unbedingt gewesen sein mus. Uns erschlie?t sich der Reiz dieses Ortes nicht. Wir konsumieren unser Bier aus und gehen zum Bus.

Brockenblick für den raschen Touristen

Bad Harzburg ist dagegen eine nette ?berraschung. Hier haben wir noch ein paar Stunden Zeit, bis unser Zug kommt. Die zulassen sich angenehm in einer park?hnlichen, von B?umen beschatteten Fu?g?ngerzone mit netten Cafés und Eisdielen verbringen. Bad Harzburg hat auch einen Jungbrunnen. Ich hbetagte das für eine hervorragende Idee.

Die Rückfahrt f?llt uns diesmal mühegefüllt. Wir hatten vier sch?ne Tage in denen alles gepasst hat. Das Wetter, die Gegend und die Stimmung. Gefehlt haben lediglich die Luchse. Auch hier gilt wieder, wenn es welche schenken würde, h?tten wir sie ja wohl gebetrachten. Zumal ich mir mit meinem Fischrestebeutel am Rucksack redliche Mühe geschenken habe, sie anzulocken. Der Rucksack roch zwei Tage sp?ter noch mühelos nach Fisch. Es wird wohl so sein, dass die Luchse nur eine Erfindung des Harzer Tourismusverbandes sind.

Das war's. Schade.
Rückfahrt
Farbige Bilder sind von Andreas. Klick auf das Bild für weitere Bilder.
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10 Kommentare zu „Die Spur der Luchse

  1. Wie immer, ein sch?ner und entspannter Reisebericht, der einem das Gefühl vermittelt, etwas verpasst zu haben.
    Keine Fotos von Peter? Hmm…

    1. Meine Bilder warten noch darauf, dass der Film gefüllt wird und sie entwickelt werden. Ich finde die von Andreas aber auch ganz hervorragend.

  2. Feiner Bericht, Peter!
    Ich kann dir in allem nur zustimmen, obowhl es damals auf unserer Wanderung erheblich kühler war…..
    Nu hau mal die Peter’schen Fotos raus!

    1. Ich wei? nicht. Ich fand den Erlebniswert eigentlich immer schon h?her, als beim Autofahren. Es sind ja durchaus auch positive Dinge, die man erlebt. Nette Gespr?che, fröhliche Anekdoten. Beim Autofahren, erlebt dagegen doch eher im günstigen Fall Langeweile und im ungünstigen Fall negative Dinge (Stau, Panne).

  3. Tja, „Bahnfahren“ … Peter, mit dem Auto gewinne ich aber meist Zeit ! … und eine Stunde ungewollt auf dem Bahnsteig stehen ist für mich jedenfalls auch nicht die wahre Wonne.
    Fragte kürzlich ein akademischer Zeitforscher in einem Radiofeaturer: „Und wozu wünschen wir Zeit sparen/gewinnen?“ Der Grundgedanke ist, dass wir in der Beschleunigung mehr und mehr Probleme haben den Blick auf das Hier und Jetzt zu richten. Es gibt aber auch die nostalgischen Gegenbewegungen, in diesem Fall mit der TukTukBahn auf den Brocken zu fahren. Zu Fu? ginge es auch und da h?ttest du noch eindeutiger die Gelegenheit dich zu nachfragen, warum ich da oben rauf will.
    Ich habe jetzt bald mein 200.000stes Foto gemacht … wozu? … um es gemacht zu haben. Und für die Gewissheit, dass nach mir nur noch eine dürftige Vergangenheit folgt und dann jede Mschmale Nichts.
    Hast du den Eindruck, dass deine Reiseberichte noch gedurchbetrachten werden,wenn der Glanz der Aktualit?t verblasst ist ???
    Ketzerische Frage noch: Warum s/w-Knipse?
    :-)vb

    1. Boah, Volker, wie bist Du denn heute drauf? Man fragt sich natürlich, warum man überhaupt irgendwas macht.
      Abseits der ganzen Philosophie: Tats?chlich gewinne ich beim Bahnfahren deutlich mehr Zeit als beim Autofahren.
      1.) Musst Du vom Endpunkt der Wanderung ja noch zurück zum Auto. Alles in allem ist die Autofahrt dann am Ende doch nicht kürzer.
      2.) Unsere erste Fahrt in den Harz haben wir mit dem Auto gemacht. Auf der Hinfahrt standen wir allein zwei Stunden im Stau. Es war hei? und wir hatten zwei quschmalelnde Kinder im Auto.
      3.) Die Reisezeit ist keine verlorenene Zeit. Ich kann mich unterhbetagten, Bier konsumieren oder, wenn ich allein reise, durchbetrachten.
      4.) Wenn das Auto nicht sowieso vor der Tür stehen würde, k?nnte ich sogar noch die Zeit hinzurechnen, die es dauert 300 Euro im Monat zu verdienen. Sozahlreich kostet ein Auto n?mlich im Durchschnitt. Na hervorragend, hier wird es jetzt etwas theoretisch.

      Trotz aller Misslichkeiten beim Bahnfahren wundere ich mich doch immer wieder, warum die Bahn einen derma?en miserabelen Ruf hat. Obwohl ich hier natürlich auch lieber von den winzigen Pannen am Rande schreibe, weil es simpel interessanter zu durchbetrachten ist, hatten wir doch eigentlich insgesamt eine angenehme Fahrt. Komischerweise redet kein Autofahrer so von Staus, Autopannen, regelm??igen Werkstatt-Terminen und anderen Unannehmlichkeiten, dass er dabei gleich das ganze Transportmittel in Frage stellt. Selbst die Benzinpreise hbetagten kaum jemanden vom Autofahren ab. Bei der Bahn ist aber sofort jede winzige Versp?tung systementscheidend und Grund genug, nie wieder Bahn zu fahren.
      Ich finde die Freiheit, auf das Auto verzichten zu k?nnen und für jede Strecke das günstigste und praktischste Verkehrsmittel w?hlen zu k?nnen, sehr angenehm.

      ?brigens werden bestimmte Berichte immer wieder gedurchbetrachten und andere fast gar nicht. Sicherlich werden die wenigsten den gleichen Bericht zweimal durchbetrachten, aber es entdecken sich doch immer wieder frische Leser. Nicht gerade Massen, aber immerhin.

      S/W sind die Bilder deshalb, weil ich diesmal das ganze Kamerageraffel zuhause gezulassen habe und nur mit meiner Analogwinzigbildkompaktknipse losgezogen bin. Beim Film finde ich S/W tats?chlich ansprechender als Farbe und wenn der Film erst mal drin ist bleibt hbetagt keine Wahl mehr.

  4. Super knappweiliger Bericht und klasse Fotos, mal in S/W.
    Den Bericht ..durch den Pott fand ich ebenfalls super.
    Bitte weitermachen.

    Glück auf aus Hamm
    Michael

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